Kunst in München

Der Text enstand anlässlich der Ausstellung Lantschaft 2015

Der Fusionist

Ein Blick ins Atelier verrät viel über den künstlerischen Ansatz des Johannes Karl: Leinwände, Farbtuben, Pinsel und Spraydosen verteilen sich über den Raum. Dazwischen stehen große Bildschirme, Laptop und Computer. Bei Johannes Karl verschmelzen traditionelles künstlerisches Handwerk und modernste virtuelle Gestaltungstechnologie. Der Dachauer spielt mit den Möglichkeiten des digitalen Zeitalters. Trotzdem bricht sein Werk nicht mit der traditionellen, der analogen Kunst. Ganz im Gegenteil. Der Künstler bedient sich bekannter Motive aus der Kunstgeschichte und setzt sie neu in Szene. Er verknüpft bereits existierende Ideen mit zeitgenössischen Themen aus Politik, Philosophie und Kultur und schafft damit neue Blickwinkel. Johannes Karl packt die Geschichte und holt sie in die Gegenwart – nicht ohne dem Betrachter dabei allen Raum zur eigenen Interpretation zu lassen.

Der Weg zur Kunst

Johannes Karl, 1982 in Dachau geboren, kam auf klassischem Wege zur Kunst: über die Malerei. Nach einer Facharbeit am Ignaz-Taschner- Gymnasium mit knapp 100 Selbstporträts besuchte der junge Künstler die Malklasse von Horst Sauerbruch an der Akademie der Bildenden Künste München. Dort lernte Karl sein Handwerk und erlebte einen regen Austausch auf malerischer Ebene. Gleichzeitig wagte er erste Gehversuche im Bereich der Videokunst sowie der digitalen Bearbeitung. „Die erzählerische Komponente hat mich dabei nie interessiert“, sagt der Künstler. Zu sehr war er von der Malerei geprägt. „Ich wollte digital malen.“ Karl fotografierte und bearbeitete die Fotos, bis vom ursprünglichen Motiv nichts mehr zu erkennen war. Er nutzte den digitalen Code der Fotodatei und veränderte ihn, bis die abgelichteten Objekte komplett verfremdet waren – „eine Art digitaler Kubismus“. Studienreisen nach Norwegen und Japan verschärften den digitalen Einfluss. Karl erhielt Einblicke in die Zahlenwelt der Programmierer und gewann daraus neue Ansätze für seine digitale Kunst. Seit 2013 ist Johannes Karl Vorsitzender der Künstlervereinigung Dachau und trat damit die Nachfolge von Monika Siebmanns an.

Der rote Faden

Johannes Karls Werk präsentiert sich vielschichtig, formübergreifend und bunt. Und doch lassen sich für viele seiner Arbeiten – egal ob auf Leinwand oder Bildschirm – Gemeinsamkeiten finden. In der Videoanimation „Last Supper“ aus dem Jahr 2014 widmet sich Karl sechs berühmten Malern: Rembrandt, Van Gogh, Rubens, Schiele, Dürer und Beckmann nehmen in einer Runde Platz, die an moderne Talkshows erinnert. Doch in der vierminütigen, in schwarz und weiß gehaltenen Montage entsteht keine wirkliche Kommunikation – die Künstler wiederholen phrasenhaft ein Repertoire aus Zitaten, die sie selbst geprägt haben. Dabei verwandeln sie sich abwechselnd ausschnitthaft in ihre eigenen Gemälde. Karl thematisiert damit eine Gratwanderung: die Popularisierung des Künstlers durch häufige Reproduktion auf der einen Seite, auf der anderen die Aushöhlung und Reduktion der künstlerischen Arbeit auf mediengerechte Schlagworte.
Einen ähnlichen Ansatz wählt Karl bei seiner Videoanimation „Der Wanderer“ aus dem Jahr 2012. Mit den Händen in der Jackentasche steht der Wanderer im Nebelmeer auf einem Felsen und blickt auf markante Hochhausfassaden, die sich vor ihm aufbauen. Er sehnt sich nach den Versprechungen der Großstadt, nach pulsierendem Leben und in den Himmel ragenden Bauwerken. Sein Alter Ego sieht die Skyline einer Millionenstadt, und am Ende sehnt er sich zurück nach Natur und Ruhe. Doch wohin er sich auch wendet, stets locken die Vorzüge des jeweils anderen Lebens. Grundlage und Ausgangspunkt für die Animation ist Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“. Johannes Karl überträgt das Ölgemälde nicht nur in ein neues Medium, er erweitert es auch um den Aspekt der modernen Sehnsüchte: Der Ambivalenz zwischen Stadt und Land, zwischen Natur und Technologie. Auch wenn Johannes Karl ganz konventionell zur Leinwand greift, bleibt die thematische Übersetzung ins neue Jahrtausend von zentraler Bedeutung. Sein Gemälde „Revolution_01“ aus dem Jahr 2012 bedient sich einer geschichtsträchtigen Figur, geschaffen von Eugène Delacroix. Die berühmte barbusige „Freiheit“, Symbolgestalt für die französische Julirevolution von 1830, schreitet in dem 185 Jahre alten Original über die Gefallenen der Pariser Barrikadenkämpfe und steht für den revolutionären Aufbruch zu einer neuen Weltordnung. Auf Karls Acrylgemälde ist vom Original nur mehr die Silhouette der revolutionären Freiheit sichtbar. Per Schablone ist die Symbolfigur als Graffiti auf einen abstrakt gemalten Hintergrund gesprüht. Die Flagge in ihrer Hand zeigt nicht mehr die französische Tricolore, sondern ein schwarzes X. Die gesprühte Marianne blickt zurück auf die Geschichte der Malerei und weiß, wie ihre Fahne verrät, selbst noch nicht, wohin es geht. Johannes Karls Werke gehen immer von einem bewusst gewählten Thema aus. Die starke Auseinandersetzung mit der Kunstgeschichte zieht sich als roter Faden durch sein Werk. Das Ergebnis aber, die Endfassung, entsteht im Prozess – und generiert sich aus der gewählten Fragestellung und dem Wunsch nach einer stimmigen Optik. Karls Maxime: Es muss immer Raum für Interpretationen bleiben. „Wenn am Ende die Grundideen von Künstler und Betrachter in die gleiche Richtung gehen, habe ich mein Ziel erreicht“, sagt Karl. Die Reflexion seiner Werke ist ihm wichtig. „Kunst dreht sich immer um menschliche Fragestellungen.“ Und viele der Fragen wurden bereits in der Kunstgeschichte gestellt. So belebt Karl alte Themen wieder, indem er sie mit neuen Ausdrucksformen und neuen Techniken in die Gegenwart übersetzt. Er lässt die Zeiten verschmelzen. Er schafft eine Fusion.

Ausstellung in Dachau

Für die Ausstellung in der Sparkasse Dachau hat sich Johannes Karl wieder mehr auf die Malerei besonnen. Er hat sich die Geschichte Dachaus als Künstlerstadt zum Thema gemacht. Karl greift in seinen Ausstellungsstücken den Ruf Dachaus zur Jahrhundertwende als bedeutende Künstlerkolonie auf. Er lässt sich von der Freilichtmalerei im Dachauer Moos inspirieren und wagt das Experiment, die landschaftlichen Motive in einer neuen Zeit darzustellen. Großflächige Gemälde werden ergänzt von Zeichnungen und Skizzen und einer Videoarbeit zum Thema Landschaft. Mit StreetArt-Elementen bringt Karl die Landschaftsmalerei in eine neue Form. Er nutzt Graffiti-Techniken, zeichnet Ackerfurchen mit Spraydosen nach, abstrahiert und interpretiert damit Bekanntes auf neue Art. Karl betont: „Ich komme nicht aus der Sprayerszene, aber Graffiti interessiert mich vom Malerischen her. Es hat etwas subversives, ist aber gleichzeitig im Establishment angekommen.“ Ein bisschen wie Johannes Karl selbst.



Dominik Göttler

 

 

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