Kunst in München

Der Text enstand zum Katalog "Arbeiten 2007-2014", 2014

Kunst, heißt es, ist immer ein Spiegel ihrer Zeit. Sie arbeitet mit den technischen Errungenschaften, die ihr zur Verfügung stehen, greift Themen auf, die politisch, philosophisch oder kulturhistorisch relevant sind und lässt uns im Idealfall neue Erkenntnisse über sie gewinnen.
Unsere heutige Zeit ist medial bestimmt. Wissen kann in komprimierter Form schnell elektronisch abgerufen und ferne Orte können digital durchwandert werden. In dieser von Neil Postmann als Zweite Aufklärung bezeichneten Epoche ist Wissen keine Frage von Tiefe, sondern von Geschwindigkeit. Da Bilder schneller erfassbar sind als Texte, sind sie zur Sprache unserer Generation geworden. In den 1990er-Jahren liest man zum ersten Mal von der Ikonischen Wende. Gemeint ist der Wandel von der textbasierten Informationsgesellschaft zur bildvermittelnden Gesellschaft der digitalen Medien. In unserem Alltag werden wir überschwemmt mit einer Flut von Bildern, die sich – unbewusst – in unseren Köpfen zu Informationen zusammensetzen.
Johannes Karl nutzt die digitale Zugänglichkeit von Bildern ebenso wie deren Bearbeitungsmöglichkeiten, um Existierendes neu zu gestalten. Dabei begreift er die von ihm verwendeten und geschaffenen Arbeiten als universell verständliche Sprache, um aktuelle Fragestellungen zu beleuchten.

Eine der Grundfragen, mit der sich Johannes Karl in seinem Werk auseinandersetzt, ist der Umgang mit historischen Bildwerken im digitalen Zeitalter. Er versteht die Kunstgeschichte der letzten Jahrhunderte nicht als etwas Vergangenes, sondern als eine Sammlung von Erzählungen, die ergänzt und neu pointiert wieder aufgegriffen werden können.
Dieses Verständnis zeigt sich bereits in frühen Arbeiten des Künstlers. 2006 – fast einhundert Jahre nach dem Auftreten des Frühkubismus – erweitert Karl den analytischen und synthetischen Kubismus um eine neue, digitale Form. Ansichten eines Gegenstandes werden am Computer überlagert. Es entstehen architektonische Linienbilder in grell-künstlicher Farbigkeit, in denen das ursprünglich fotografisch eingefangene Objekt nur noch schemenhaft zu erkennen ist.
Die Möglichkeit der digitalen Verfremdung spielt auch in den Videoanimationen der folgenden Jahre eine wesentliche Rolle. In „It’s all so pretty“ (2009) bricht eine idyllische Landschaft mit Kuhhirten – gemalt um 1900 von Otto Strützel – auf, und wandelt sich in ein mit kunsthistorischen Zitaten gespicktes grell-farbiges Pop-Video. Zu elektronischen Klängen sind Zitate aus Gedichten Ludwig Thomas zu hören. Worte wie Segen, Natur und Häuslichkeit verbildlichen sich durch kleinbürgerliche Wohnansichten – durchzogen mit verstörenden Elementen. aus Pornografie und Hakenkreuz-Ästhetik. Karl, der 1982 in Dachau geboren ist, setzt sich in diesem Video mit der Geschichte seiner Heimat auseinander, dem bäuerlichen Idyll der Dachauer Künstlerkolonien im 19. Jahrhundert sowie der Brandmarkung als KZ-Standort während des Nationalsozialismus und der heutigen Wahrnehmung als kleinbürgerlicher Vorort Münchens.
Auch das Video „Der Wanderer“ (2012) spielt mit einem Betrachtungswandel. Ein Mann steht auf einem Felsen und blickt auf das Wunder der Natur – das Bild ist tief in unserem kollektiven Kulturgedächtnis verankert: Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818). Doch sukzessive erheben sich Wolkenkratzer aus dem Boden. Der Mensch bleibt stehen, bestaunt nun dieses Wunder. Seine Empfindungen bleiben die Gleichen.
Beide Videoanimationen beginnen langsam, lassen dem Betrachter Zeit, sich in das Bild einzufinden, bevor sie sich verfremden und uns einen neuen Blick offenbaren. Malerei – mit der Karl 2002 sein Studium an der Münchner Akademie beginnt und die noch stets ein essentieller Bestandteil seines Schaffens ist – zeigt einen Moment, wohingegen das Video die Einbettung in einen zeitlichen Rahmen erlaubt. Was dem Kunstschaffenden neue Möglichkeiten bietet, nimmt dem Betrachtenden ein wesentliches Element der Eigeninterpretation: die Möglichkeit der Versenkung in einen Augenblick – denn der Film befindet sich in ständiger Bewegung – der Blick kann nicht frei wandern, die Betrachtung wird vorgegeben. Wir folgen der Sicht des Künstlers, ein Umstand, der dem Arbeiten Karls entgegenkommt, dem seine Kunst stets auch als Mittel der Selbstbefragung dient. So zeigt sich Karl selbst in der Figur „des Wanderers“.
Auch in dieser Selbstdarstellung folgt er einer kunsthistorischen Tradition. In seiner jüngsten Arbeit „Last Supper“ (2014) widmet Karl sich sechs Malern, die sich in Selbstbildnissen inszeniert haben: Beckmann, Dürer, Rembrandt, Rubens, Schiele und van Gogh. Karl nutzt Reproduktionen ihrer Selbstbildnisse als Grundlage für seine Animation, in der er die Künstler in einer talkshow-ähnlichen Situation zusammentreffen lässt. Doch es entsteht keine Kommunikation. Phrasenhaft lassen sie abwechselnd Sätze verlauten, die heute zum Zitate- Repertoire ihrer Biografie geworden sind. Durch die häufige Reproduktion wurde der Ruhm der Künstler nicht nur erhöht, sondern auch überholt. Eine Gefahr, auf die 1936 bereits Walter Benjamin in seinem Grundlagenwerk „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ aufmerksam gemacht hat: Vervielfältigung kann neben einer Verstärkung auch zu einer Entwertung führen. Dass in Bildern durch diese Loslösung aus dem historischen Kontext aber auch das Potential zur Neubewertung liegt, wird in Arbeiten wie „Jesus Playing Basketball“ und „Tambosi“ ( beide 2011) deutlich. Karl löst Figuren und Objekte aus Gemälden der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen heraus und setzt sie interaktiv in Bewegung. Fast meditativ blickt Fra Angelicos Christus auf seinen Heiligenschein herab, den er wie einen Basketball langsam von Hand zu Hand spielt. In „Tambosi“ – benannt nach Münchens ältestem Kaffeehaus – versammeln sich fünfundvierzig Prominente aus Alter und Neuer Pinakothek in einer Trinkhalle: Grünewalds heiliger Mauritius unterhält sich mit Murillos traubenessendem Jungen, während Rubens sterbender Seneca zu tanzen beginnt und Stubbs Hühnerhund durch die Menschenansammlung streunt. Am Ende brechen die Figuren in Einzelteile auf, die sich in einem abstrakten Strudel neu zusammenfügen.

Das mediale Zeitalter hat unseren Umgang mit Bildern maßgeblich verändert. Die weite Verbreitung und Verfügbarkeit von kunsthistorischen Werken und Ideen hat sie ihrer ursprünglichen Bedeutung beraubt und sie zu Material gemacht, das Johannes Karl für seine Arbeiten zu nutzen weiß. Neben dem Verweis auf die neuen, digitalen Möglichkeiten, zeigt er uns vor allem eines: Man kann nur begreifen, was vergangen ist – auch unser Auge erkennt nur, was es mit bereits gespeicherten Bildern in unserem Gedächtnis vergleichen kann. So wird die Geschichte zum Spielball für Karls Bildwelten. Diese sind nicht nur Spiegel ihrer Zeit, Karl nutzt die Kunst um der Zeit einen Spiegel vorzuhalten.

Anja Huber

 

 

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