Kunst in München

Der Text enstand zum Katalog "Der Wanderer", 2012/2013

Langsam nähert sich die Kamera rücklings der auf einem Felsvorsprung stehenden
Person. Rasch identifiziert der wissende Betrachter die schwarz gekleidete Gestalt:
Es scheint Caspar David Friedrichs berühmte Rückenfigur des Gemäldes Der
Wanderer über dem Nebelmeer zu sein.
Doch etwas irritiert die gewohnte Betrachtung des um 1818 entstandenen
Gemäldes: Das einst starre Bild ist zum Leben erweckt. Der Rock des Mannes
auf dem Felsen flattert im Wind, seine Haare zerzaust, Nebelschwaden und
Schneeflocken treiben hastig vorüber. Plötzlich fliegen wie aus dem Nichts
kommend geometrische Formen durch das Bild, formatieren sich zu einer urbanen
Landschaft vor der Bergkulisse. Dann schwenkt die Kamera, zeigt die Person
eingekreist von großstädtischer Architektur und offenbart schlussendlich deren
Gesicht; es ist das Konterfei des Künstlers dieser Videoinstallation – Johannes Karl
– selbst, der dort sehnsüchtig in die Hochhäuser blickt. Immer mehr Gebäude
erscheinen und verengen zusehend den Kreis um ihn herum, verwehren die Sicht
in die Ferne, bis sie sich plötzlich sprichwörtlich in Luft auflösen und verschwinden.
Und dann steht sie wieder da, wie am Anfang, einsam auf einem Felsvorsprung das
Nebelmeer betrachtend, die Rückenfigur.

Das ursprüngliche Gemälde – Caspar David Friedrichs Der Wanderer über dem
Nebelmeer – das als Vorlage dieser Videoarbeit diente, spiegelt den Zeitgeist
des frühen 19. Jahrhunderts wieder, geprägt von französischer Revolution und
napoleonischer Besetzung. Nach der Befreiung und Neuordnung Europas strebten
die Menschen nach Freiheit, Gleichheit und Individualität. Die Idee der Romantik
mit ihren phantasievollen und subjektiven Sichtweisen, ihrer emotionalen Intensität
sowie traumähnlicher Qualitäten wurde als neues Weltbild geboren. Caspar David
Friedrichs Gemälde zeigen dessen Vorstellungen des romantischen Menschen: ein
ehrfürchtiges Individuum, sehnsüchtig in die Ferne blickend, das Transzendentale
zwischen Himmel und Erde erwartend. In der Abwendung von der Zivilisation und
der Hingabe zur Natur erfährt der Mensch das allherrschend Göttliche.

Johannes Karl nutzt dies bekannte Motiv der Romantik, um es in die Gegenwart, ins
Zeitalter digitaler Medien und Videoanimation zu übersetzen. Er überwindet das
hyperbolische Schema der Gemälde, tauscht es gegen eine vertikal ausgerichtete
Formensprache aus. Die technische Verfremdung in Der Wanderer zeigt den
Menschen von heute. Was dem romantischen Individuum die gottgeschaffene
Natur, sind dem modernen Menschen die konstruierten Megacities wie New York,
Chicago oder Tokyo, die das Versprechen pulsierenden Lebens der Großstadt laut
werden lassen.
Doch Johannes Karl geht es nicht darum, den Kontrast der Epochen zu
verdeutlichen, sie gar gegeneinander abzugrenzen. Ihn reizt die Dialektik zwischen
beiden. Er spielt mit der romantischen Position, um ein neues, gegenwärtiges

Verständnis von Fern- und Heimweh zu versinnbildlichen. Wie der mal starre,
mal schweifende Blick der Kamera, pendelt Johannes Karls Protagonist rastlos
zwischen zivilisatorischer Architektur und unberührter Natur, sich stets nach den
Versprechungen des jeweils anderen Lebens sehnend.
Das Spiel der Vermengung von Welten setzt sich in der Gestalt des Wanderers fort.
Zieht die Repoussoirfigur Caspar David Friedrichs gerade durch ihre konsequente
Rückansicht den Betrachter ins Bildgeschehen ein, löst Johannes Karl dieses
Mittel der klassischen Kunst temporär auf. Indem er die Kamera schwenken
lässt, gibt er das Gesicht der Rückenfigur – sein eigenes – dem Betrachter Preis.
Dieser identifiziert sich fortan nicht mehr nur mit einer unbekannten Gestalt,
vielmehr erkennt er den Künstler als kreatives, schaffendes Individuum, der in
Wechselwirkung zu seinem Umfeld steht. Mit Hilfe dieser historischen Referenz
schafft Johannes Karl seinen eigenen Künstlerepos: ein Mensch, der zwischen
Historie und Gegenwart, Statik und Veränderung, zwischen Fern- und Heimweh
oszilliert. Und doch stets beginnt und endet es mit dem zukunftsstrebenden Blick in
die Ferne.

 

 

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